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Anatomie eines Freiwilligen, Teil II

Autor: Stefan | Datum: 02 Januar 2016, 07:53 | 6 Kommentare

Nach langer Sendepause habe ich mal wieder einen Blogeintrag verfasst. Es gab mehrere Gründe für meine Schreibpause. Zuallererst ist mein Laptop kaputt gegangen, Bildschirm schwarz, Grafikchip durchgebrannt. Die Reparatur des Laptops hat sich dann lange hingezogen, weil ich nicht gleich den passenden Laden gefunden habe, der mir bei diesem Problem helfen konnte.

Ein weiterer Grund der das Ganze verzögert hat, war mein Umzug in ein Haus in der Nähe meiner Arbeitsstelle. Ich wohne jetzt mit Jan, ebenfalls weltwärts-Freiwilliger in einem Straßenkinderprojekt, in einem schönen Häuschen im Stadtteil Kicukiro. Der Umzug hat sehr viel Zeit und Energie gefordert, da das Haus unmöbiliert war und wir so gut wie alles in lokalen Läden kaufen mussten. Über meinen Umzug, die Gründe des Umzugs, die neue Gegend und neue Aufgaben etc. berichte ich später in einem separaten Blogeintrag.

Als mein Laptop dann repariert zur Abholung bereit stand, funktionierte meine Kreditkarte nicht mehr. Bis ich das notwendige Geld dann von Jan geliehen hatte und erneut in der Stadt war, um den Laptop dann letztendlich in Empfang zu nehmen, vergingen erneut mehrere Tage. Jetzt habe ich meinen Laptop jedoch endlich wieder und er funktioniert fast wie gewohnt.

Viel Spaß beim Lesen des zweiten Teils "Anatomie eines Freiwilligen"!

 

Die Augen - amaso:

Die Augen sind zum Sehen da. Viel Gutes und manches Schlechte habe ich in meinen ersten vier Monaten in Kigali gesehen.

Den kompletten November über hatte ich große Probleme mit meinen Augen. Verbunden damit waren anhaltende Kopfschmerzen, besonders im Bereich meiner Augen. Ein Arztbesuch ergab, dass ich aufgrund der Sonneneinstrahlung, des Staubs und anderer Einflüsse vermutlich sehr empfindliche und trockene Augen bekommen hatte. Mittlerweile geht es mir wieder besser, was vermutlich nicht nur an den Augentropfen liegt, die mir die Ärztin verschrieben hatte, sondern auch an meinem Umzug in den Stadtteil Kicukiro, der einfach super ist.

Ich muss sagen, dass sich meine Augen immernoch nicht an der wunderschönen Landschaft Ruandas satt gesehen haben. Diese wundervollen grünen Berge, die so fruchtbar aussehenden Täler und die vielen mir unbekannten Pflanzen haben es mir einfach angetan. Auch die wundervolle Frisur manch ruandischer Frau versetzt mich bis heute ins Staunen.

Meiner erster Eindruck, dass Ruanda ein buntes, aufgeräumtes, freundliches und neugieriges Land ist, hat sich bis heute bestätigt. Das Gute allein ist allerdings nicht die ganze Wahrheit.

Ich habe auch betrunkene Kindern gesehen, Erwachsene, die Kinder ohne wirklichen Grund mit Schlägen bestrafen und daran sichtlich Freude haben, Autos, die niemals eine Abgasuntersuchung hätten bestehen sollen, Wiesen und Felder, die voller Plastikmüll sind und viele Menschen, die Arbeit suchen.

Aber ganz ehrlich, viele dieser negativen Eindrücke sind mir aus Deutschland wohlbekannt. Im richtigen Stadtteil deutscher Großstädte findet man auch Kinder unter Drogeneinfluss oder Erwachsene, die Kinder ungerecht behandeln oder gar misshandeln. Wie ich gehört habe, hätte der ein oder andere Volkswagen in den letzten Jahren auch keine Abgasuntersuchung bestehen dürfen. Müll und Dreck liegt auch in Deutschland in so mancher Gegend herum. Arbeitssuchende Menschen oder Menschen am Ende ihrer Kräfte, weil sie zwei Jobs haben, um sich selbst und ihre Familie zu ernähren, sind mir aus Deutschland auch nicht unbekannt.

 

Der Kopf - umutwe:

Meinen Kopf habe ich mir jetzt schon so einige Male an diversen Türrahmen gestoßen, da ich scheinbar einfach zu groß für dieses Land bin bzw. viele Türen zu klein. Auch bei Busfahrten in Bussen, die ehemals im asiatischen Straßenverkehr zum Einsatz kamen, fühle ich mich einfach zu groß, wenn ich stehend und mit auf die Schulter gelegtem Kopf - die Decke ist zu niedrig - versuche das Gleichgewicht zu halten.

Trotz der vielen Stöße, die mein Kopf aushalten musste, hoffe ich, dass ich immernoch in der Lage bin zu denken und zu reflektieren, was ich hier erlebe. Vom 10-tägigen Vorbereitungsseminar der VEM hatte ich mitgenommen sehr vorsichtig zu sein was Verallgemeinerungen wie: "In Afrika ist alles so...." "Die Leute in Afrika haben..." "Alle sind so glücklich, obwohl sie so..." Bla Bla Bla. Die Gefahr dieser Verallgemeinerungen ist, dass dadurch ein unvollständiges, nicht der Wahrheit entsprechendes Bild vermittelt wird. Außerdem werden damit unbewusst deutsche, kolonialistisch geprägte Denkmuster bestätigt, was sich für uns Deutsche irgendwo gut anfühlt, weil dadurch das deutsche oder sagen wir das "first world" - Überlegenheitsgefühl Bestätigung findet, was im Grunde aber einfach nur ungerecht und falsch ist.

Zum Beispiel wohnen die meisten Menschen in Kigali nicht in irgendwelchen Hütten aus Naturprodukten. Auch laufen sie nicht den ganzen Tag barfuss und in Lumpen gekleidet über staubige Straßen und tragen Dinge auf ihrem Kopf durch die Gegend. Wie Kigali aussieht, welche Häuser, welche Straßen und welche Fortbewegungsmittel es hier gibt, habe ich bereits in älteren Blogeinträgen versucht aufzuzeigen. Ich werde zu dem Thema noch einen separaten Blogeintrag mit dazugehörigen Bildern verfassen.

Die Kehrseite der Medallie ist jedoch, dass ich von einigen Ruandern Aussagen gehört habe wie: "This is africa!" nachdem bei einer Party der Strom ausfiel und alle plötzlich im Dunkeln standen. Der Satz einer guten Freundin "Welcome to Africa!" nachdem mein Handy geklaut wurde und ca. 10 bis 20 Leute plötzlich den Dieb suchten und irgendwie über den Verbleib meines Handys verhandelten, hat sich ebenfalls bei mir eingebrannt. Als ich mit einem Freund eine Bar besuchte, in welcher der Weg zur Toilette eher einer Kombination aus Müllhalde und Lagerraum gleichte, gab mir mein Freund "This is africa, you just have to accept!" mit auf den Weg.

Jedesmal wenn ich einen dieser Sätze hörte, war mein erster, reflexartiger Gedanke: "Das darf man doch so nicht sagen, das ist eine ganz schlimme Verallgemeinerung!"

Aber mal ganz ehrlich, bin ich derjenige der einem Ruandern, einem Afrikaner erzählen kann, was er über seinen Heimatkontinent sagen darf? Wohl eher nicht. Gleichzeitig sollte ich wohl eher akzeptieren, dass manche Dinge tatsächlich, auf irgendeine Art eben typisch afrikanisch sind. Ich glaube, das zu leugnen, ist nicht nur übertriebene Korrektheit, sondern grenzt eher an Augenwischerei als daran die Wahrheit zu berichten.

Ich werde auch in Zukunft darauf achten, nicht nur die Dinge zu schreiben, die unsere deutsche, kolonialistische Vorstellung von "Afrika" bestätigen, sondern auch über die vielen anderen Aspekte Afrikas berichten, die ich hier in Ruanda entdecken darf. Allerdings werde ich auch nichts verschweigen, was vielleicht negative Vorstellungen bestätigt. Das wäre schlicht gelogen und auch nicht wirklich ein vollständiges Bild.

Mein Kopf ist also schwer beschäftigt all diese Dinge einzuordnen und mein eigenes Denken zu überprüfen. Auch das Ikinyarwandalernen hält meinen Kopf ordentlich auf Trapp. Ich hoffe sehr, dass mir irgendwann der Durchbruch gelingt. Bis heute fällt es mir sehr schwer. Ich kann zwar meine Bedürfnisse äußern und auch Preisverhandlungen auf dem Markt und mit dem Mototaxifahrer gelingen inzwischen ganz gut, aber von echten Gesprächen bin ich noch weit entfernt. Besonders das Verstehen meiner Gesprächspartner ist nach wie vor ein echtes Problem.

 

Die Hände - ibiganza:

In der Küche meiner Arbeitsstelle wird mit Holz geheizt. Die benötigten Holzstücke werden von den älteren Kindern im CPAJ mit Hilfe einer Axt aus großen Hölzern zurechtgehauen. Natürlich wollte ich mich auch mal daran versuchen und den Kindern ein wenig helfen. Anfangs habe ich das Holz an der falschen Stelle getroffen. Nach Korrektur der Kinder wusste ich dann wo ich hinschlagen musste, um das Holzstück zu spalten. Mir fiel es allerdings sehr schwer die gleiche Stelle mehrmals hintereinander zu treffen. Nach vielleicht zehn Schlägen begann ich dermaßen zu schwitzen, dass ich mein Hemd ausziehen musste. Mittlerweile hatten sich viele der Kinder um mich herum versammelt und feuerten mich an. Muss ein lustiges Bild gewesen sein. Jeder erfolgreiche Schlag wurde bejubelt. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich die Arbeit nur mit Hilfe von John, einem der älteren Jungs, vollenden konnte.

Schon während der Axthiebe merkte ich, dass mit meinen Händen etwas nicht stimmte. Kurz nach der Arbeit realisierte ich auch was...ich hatte mehrere Blasen an meinen Händen, zwei davon waren so richtig schön blutig.

Es war mir echt peinlich, dass ich diese Art körperlicher Arbeit nicht so ohne weiteres wegstecken konnte. Meine Händen waren von mehreren Blasen übersät und hatte gerade mal ein Holzstück gespalten. Zum Kochen des Mittagessens sind ca. 10 Holzstücke notwendig.

Wenn nach den Weihnachts- und Neujahrsferien meine Hände abgeheilt sind, werde ich öfter mal Holz hacken. Vielleicht gewöhnen sich meine Hände ja daran.

Aufgrund meines Umzugs, weg von meiner Gastfamilie, stellt sich mir die Frage wie ich jetzt meine Wäsche sauber bekomme. In meiner Gastfamilie wurde mir das Waschen von der Haushaltshilfe abgenommen.

Das Waschen der Wäsche ohne Waschmaschine ist richtig, brutale Handarbeit. Noch brutaler wird das Ganze, wenn man mit Blutblasen an den Händen versucht seine Wäsche mit der Hand zu waschen. Wie man sich leicht vorstellen kann, führt die Feuchtigkeit und die Reibung sehr schnell zum Öffnen der Blasen Smile

Mal davon abgesehen, brauche ich ewig, um meine Wäsche sauber zu bekommen. Hin und wieder habe ich in letzter Zeit meine Wäsche mit zur Arbeit genommen. Die Jungs haben mich angeleitet und mir die richtige Technik gezeigt. Ich musste sie allerdings erst davon überzeugen, dass ich wirklich lernen will wie man wäscht und die Wäsche nicht mitgenommen hatte, damit sie von ihnen gewaschen wird. Natürlich wurde anfangs über mich gelacht, weil ich scheinbar nicht der talentierteste Wäschewascher bin. Wie immer hoffe ich aber auf Besserung Wink

 

Insgesamt gibt es also alle Hände voll zu tun!

Danke fürs Lesen meines Blogs!

Allgemein danke ich allen, die es interessiert wie es mir geht und zu Hause an mich denken und für mich beten.

 

noheri nziza na Umwaka mushya - Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr (vielleicht ein bisschen spät, aber besser spät als nie Wink)

 

Euer Stefan

 

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Kommentare

  1. 1. Matthias Kahle  |  02 Januar 2016, 09:46

    Sehr nett geschrieben, großer! Dir auch ein gesegnetes neues Jahr! Lg aus Deutschland

  2. 2. Toub  |  03 Januar 2016, 04:21

  3. 3. Toub  |  03 Januar 2016, 04:24

    Du hast echt Begabung interessante und kreative Blogeinträge zu schreiben! Danke an der Teilhabe dadurch! Be blessed & pressed!

  4. 4. Katja  |  03 Januar 2016, 23:40

    Super cool, dass du dran bleibst beim Erlernen der Sprache, dem Wäschewaschen und Holzhacken ;-) Klingt alles mega interessant! Hoffe die Hände heilen schnell!

  5. 5. Mama  |  06 Januar 2016, 20:35

    Das mit dem Wäschewaschen werden wir zu Hause bei behalten:-))

  6. 6. Lotte  |  15 März 2016, 12:21

    UNGLAUBLICH guter und wahrer Text über 'This is Africa'. Mir geht es ganz oft genauso. Super auf den Punkt gebracht! Hammer Schreibstil wie immer. Einfach top.

 

 

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